Bewertung: 5 / 5

Stern aktivStern aktivStern aktivStern aktivStern aktiv
 

Die Sondengeher

Um zu zeigen, dass es sich bei den hier angestellten Überlegungen nicht bloß um mehr wunderbare, aber ebenso graue Theorie handelt, habe ich in letzter Zeit mehrere Untersuchungen durchgeführt, die teilweise noch am Laufen sind. Überhaupt auf das Problem gestossen bin ich durch einen sehr groben Vergleich der Fundmeldezahlen durch Mitglieder der Öffentlichkeit in England und Wales (dem Bereich des Portable Antiquities Scheme, kurz PAS), wo Fundmeldungen großteils rein freiwillig erfolgen, Schottland, wo ein allgemeines Schatzregal für archäologische Bodenfunde herrscht, und Österreich (anhand offizieller Zahlen des BDA), in der die schon oben erläuterte Situation vorliegt (Abb. 1, 2). Nachdem mir dieser Vergleich zu grob erschien, führe ich derzeit eine systematische Untersuchung der Fundberichte aus Österreich (BDA 1933-2008, kurz FÖ) durch, deren erste vorläufige Ergebnisse ich hier präsentieren kann. Schließlich führe ich ebenfalls derzeit eine Umfrage unter Sondengehern in Österreich durch, deren erste vorläufige Ergebnisse ich ebenfalls hier präsentieren kann.

Abb. 1: Fundmeldezahlen meldepflichtiger Funde in Enland und Wales, Schottland un Österreich im Vergleich (Zahlen dankenswerter Weise zur Verfügung gestellt von PAS, BDA)

Abb. 2: Gesamtzahl der freiwilligen und meldepflichtigen Fundmeldungen in England und Wales sowie Österreich im Vergleich (Zahlen für Österreich dankenswerter Weise zur Verfügung gestellt vom BDA, Zahlen für England & Wales hochgerechnet aus den annual reports des PAS, dunkelgrün: nicht hochgerechnete Zahlen)

Wie Abbildungen 1 und 2 deutlich zeigen, ist in England und Wales seit der Einführung des PAS und der damit einhergehenden Umstellung der Einstellung von ArchäologInnen zu und der Veränderungen des Verhältnisses zu und des Umgangs mit SondengeherInnen ein nachgerade dramatisches Ansteigen der Fundmeldewilligkeit der Öffentlichkeit zu beobachten: in den vergangenen ca. 13 Jahren ist es zu etwa einer Verzwanzigfachung der Zahl eingehender Fundmeldungen gekommen – und zwar sowohl was meldepflichtige als auch nicht meldepflichtige Funde betrifft (bei letzteren hat sich die Zahl sogar etwa Vervierzigfacht). Dementgegen hat das Fundmeldeverhalten in Österreich und Schottland in der gleichen Zeit stagniert oder war sogar rückläufig.

Betrachtet man die österreichischen Zahlen anhand der Meldungen, die in den FÖ veröffentlicht werden, genauer, ist das Bild, das sich zeigt, sogar noch dramatischer. So wurden zum Beispiel im Jahr 2008 (BDA 2008) im Österreich nur 107 Fundmeldungen abgegeben, an denen auch Laien beteiligt waren, die verbleibenden 289 Meldungen stammten von Fachleuten und waren wiederum zum überwiegenden Großteil Grabungsmeldungen (siehe Abb. 3). Überhaupt haben 2008 nur 31 Laien, davon nur 17 allein (d.h. ohne Beteiligung von Fachleuten), Bodenfunde aus Österreich so gemeldet, dass ihre Meldungen auch in den FÖ Aufnahme fanden. Dem gegenüber stehen 195 Fachleute, die bei Fundmeldungen in der FÖ namentlich als Finder genannt werden, sowie 11 weitere Fachleute, die nur bei Leermeldungen (also Meldungen von Grabungsmaßnahmen, bei denen keine oder nur unmaßgebliche archäologische Funde angetroffen wurden) auftraten.

Abb. 3: Fundmeldungen nach FÖ 47 (BDA 2008), aufgeschlüsselt nach Art der Meldung

Als Vergleichswert seien hier beispielhaft die Zahlen aus den FÖ 26 (BDA 1987) wiedergegeben, also vor der Novellierung BGBl. 473/1990 und dem damit einhergehenden erstmaligen Ausschluss der mit Metallsonden suchenden Öffentlichkeit aus der Gruppe der Finder, die durch die Bestimmungen des § 8 DMSG in Verbindung mit §§ 399 und 400 ABGB zu Fundmeldungen motiviert werden. 1987 fanden 481 Fundmeldungen Aufnahme in die FÖ (BDA 1987), von denen 371 von Laien stammten, hingegen nur 110 von Fachleuten (Abb. 4). Insgesamt meldeten 132 Laien, davon 48 alleine, 83 nur gemeinsam mit Fachleuten; und 48 Fachleute.

Abb. 4: Fundmeldungen nach FÖ 26 (BDA 1987), aufgeschlüsselt nach Art der Meldung

Nun gibt es aber keinen Grund anzunehmen, dass sich in Österreich seit 1987 die Zahl der Laien reduziert hat, die nach archäologischen Funden suchen (und diese mit Sicherheit auch finden), schon gar nicht so deutlich, wie die Zahl der Fundmeldungen durch Laien zurückgegangen ist. Vielmehr ist das Gegenteil anzunehmen: die Anzahl der archäologische Funde suchenden HeimatforscherInnen, vor allem jener, die mit Metallsonde nach derartigen Funden suchen, dürfte deutlich angestiegen sein, ja sich vermutlich sogar vervielfacht haben.

Natürlich ist keine genaue Bestimmung der Zahl der mit Metallsonden suchenden HeimatforscherInnen möglich: schließlich müssen sich diese weder registrieren lassen noch melden sie (wenigstens mehrheitlich) ihre Funde dem BDA, sind daher also auch nicht über Fundmeldungen in den FÖ fassbar. Alle Zahlen, die man nennen kann, sind daher bestenfalls sehr grobe Schätzungen. Einigermaßen sicher ist, dass Metallsonden in Europa erst seit den 1970ern durch Privatpersonen häufiger zur Nachsuche nach archäologischen Funden eingesetzt zu werden scheinen (daher auch die fehlende Regelung für die Suche nach archäologischen Funden mit Metallsuchgeräten im DMSG in der Fassung BGBl. 167/1978, wo dies noch kein Problem zu sein schien). Dennoch ist (auch aus den Ergebnissen meiner Umfrage unter Sondengehern in Österreich; siehe Abb. 5) klar, dass es heutzutage sicher über 1000, eher sogar 2000 bis 3000 Personen in Österreich gibt, die als Hobby mit der Metallsonde nach Bodenfunden suchen (auch wenn manche davon spezifisch nur nach jüngeren Gegenständen wie Relikten des 2. Weltkriegs suchen, die eventuell nicht unter die Bestimmungen der §§ 8 und 11 Abs 1 DMSG fallen), während es in den 1970ern maximal wenige hundert solche Personen gab. Das wird auch durch die Zahl der Mitglieder im aktivsten österreichischen Internetforum für Sondengeher bestätigt, die bei etwa 500 liegt. Die Kenner der „Szene“ sind sich jedenfalls – bei allen unterschiedlichen Schätzungen, die es selbst innerhalb dieser „Szene“ gibt – wenigstens dahingehen einig, dass die Zahl derer, die dieses Hobby ausüben, in den letzten Jahrzehnten deutlich angestiegen ist.

Abb. 5: Schätzungen von Sondengehern über die Zahl der dieses Hobby in der Vergangenheit und derzeit in Österreich ausübenden Personen (n=22)

Soweit sich das aus meinen bisherigen (zahlenmäßig noch recht beschränkten) Untersuchungsergebnissen ableiten lässt, suchen diese auch nicht selten nach archäologischen Funden, die Mehrheit zwischen 25 und 49 Tagen im Jahr, ein bedeutender Anteil sogar häufiger (Abb. 6), und im Durchschnitt wohl um die 4 Stunden pro Suchtag (Abb. 7). Bei geschätzt angenommenen derzeit ca. 2000 Sondengehern im Land, ca. 35 Suchtagen pro Sondengeher und ca. 4 Stunden pro Suchtag ergibt das geschätzt ca. 280.000 Suchstunden pro Jahr – dass diese Sondengeher also nicht zahllose archäologische Funde machen würden ist unwahrscheinlich. Selbst wenn man annehmen möchte, dass ein solcher Sondengeher nur einen nennenswerten Fund pro ca. 10 Stunden macht, sind das Fundzahlen pro Jahr, die im Vergleich (auf die Fläche des durchsuchten Gebiets hochgerechnet) etwa in der Größenordnung liegen, die auch in England und Wales derzeit im Rahmen des PAS gemeldet wird (2007: 38.115 Fundmeldungen, 66.311 gemeldete Funde, davon ca. 85% von Sondengehern; PAS 2007, 267-77).

Abb. 6: Suchtage pro Jahr (n=24)

Abb. 7: Suchstunden pro Suchtag (n = 24)

Und es ist auch nicht etwa so, dass die österreichischen Sondengeher ihre Funde deshalb verheimlichen, weil sie bloß schnelles Geld machen wollen, und prinzipiell ihre Funde niemals melden würden, weil sie keinerlei historisches Interesse hätten, ihr Hobby auszuüben: ganz im Gegenteil haben praktisch alle, die auf meine Umfrage geantwortet haben, deutlich darauf hingewiesen, dass sie aus historischem Interesse suchen, so gut wie keiner hat angegeben, dass er aus finanziellem Interesse suchen würde (Abb. 8), und so gut wie keiner scheint nennenswerte Beträge durch den Verkauf von Bodenfunden zu erwirtschaften, ja die überwiegende Mehrheit hat sogar angegeben, keinerlei Einnahmen aus ihrem Hobby zu haben und Funde niemals zu verkaufen (83 %, weitere 8% gaben an, Einnahmen ausschließlich durch Verkauf gebrauchter Suchgeräte etc. zu erwirtschaften; n = 24).

Abb. 8: Motivation von Sondengehern für die Suche nach archäologischen Funden (n=23)

Noch ein weiteres vorläufiges Ergebnis meiner Untersuchung erscheint mir in diesem Zusammenhang relevant zu sein: die Tiefe von Bodeneingriffen, die Sondengeher nach ihren eigenen Angaben normalerweise durchführen. Diese scheint sich laut ihren eigenen Angaben nämlich meistens auf die obersten Zentimeter des Bodens, und meistens nicht tiefer als bis zur Unterkante des durchpflügten Bodens zu beschränken – über 90% aller Eingriffe scheinen sich auf den bereits gestörten Oberboden zu beschränken – und so gut wie nie eine Tiefe von mehr als einem halben Meter zu überschreiten (Abb. 9).

Abb. 9: Tiefe von Bodeneingriffen von Sondengehern (n=23)

Dies erscheint insbesondere deshalb hochgradig wichtig, weil eben diese oberste Bodenschicht, wenigstens auf der überwiegenden Mehrheit der von uns archäologisch erforschten Flächen, maschinell abgeschoben und dabei normalerweise weder auf Kleinfunde noch auf Befunde untersucht wird. Dies gilt natürlich insbesondere bei akut anfallenden Rettungs- und bei im Rahmen von großen Bauprojekten anfallenden großflächigen archäologischen Feststellungsgrabungen, aber ist selbst bei Forschungsgrabungen, bei denen man die nötige Zeit hätte, den Oberboden manuell abzutragen, keine Seltenheit. Die überwiegende Mehrheit der Bodeneingriffe von Sondengehern beschränkt sich somit auf jenen Bereich des Bodens, den wir selbst bei einer systematischen archäologischen Erforschung einer Fläche normalerweise überhaupt nicht beachten und unerforscht entfernen lassen würden.

Dabei ist die Verteilung von Kleinfunden im Oberboden – bei vollem Eingeständnis der Tatsache, dass dieser gewöhnlich durch die Eingriffe von Pflug, Pflanzenwurzeln und diversen Tieren normalerweise gestört ist und daher keine Befunde im klassischen Sinn (d.h. unterschiedliche Bodenschichten) enthält und daher bei traditioneller archäologischer Betrachtungsweise vergleichsweise „uninteressant“ ist – keineswegs völlig irrelevant, sondern (selbst vom Pflug teilweise verschleppte) Kleinfundkonzentrationen im Oberboden können wenigstens unterschiedliche Nutzungszonen einer Fläche (um von historischen Schlachtfeldern gar nicht erst zu sprechen), in besonderen Fällen sogar ehemals nur wenig in den Oberboden eingetiefte Befunde (wie z.B. seichte Gräber oder Horte) anzeigen, können damit also ebenfalls Befundcharakter haben und sind jedenfalls wissenschaftlich auch wichtig. Sondengeher retten also scheinbar durch ihre Tätigkeit mehrheitlich archäologische Funde und wenigstens teilweise auch Befunde, die wir selbst, sogar insbesondere bei systematischen Grabungen, vorsätzlich oder wenigstens gedankenlos fahrlässig vernichten. Daher zeigt die fachintern ob der weniger als 10% ihrer Bodeneingriffe, die möglicherweise in noch stratifizierte Bodenschichten eingreifen, so populäre Verdammung von Sondengehern als „Raubgräber“ in erster Linie eine nahezu grenzenlose und gedankenlose akademische Arroganz an, keineswegs hingegen ein Bestreben, der Sache – der bestmöglichen Erhaltung und Dokumentation der Archäologie – zu dienen.

In Anbetracht dieser Tatsachen ist sogar dringend die grabungsmethodische Empfehlung abzugeben, in Hinkuft vor der maschinellen Abschiebung des Oberbodens auf archäologisch zu untersuchenden Flächen mit lokalen, freiwillig mitarbeitenden Sondengehern eine systematische Begehung der abzuschiebenden Fläche durchzuführen, um die im Oberboden enthaltenen Funde zu entdecken, dokumentieren und damit zu retten. Und ob Sie es glauben oder nicht, die Mehrheit der Sondengeher scheint an genau solchen Kollaborationen mit der archäologischen Wissenschaft sogar höchstgradig interessiert zu sein (Abb. 10), nur wir Vertreter der besten Praxis der hehren Wissenschaft waren es bisher zum Großteil nicht. Das ist aber unser Fehler, nicht der der Sondengeher, die uns (sogar gratis) einen Service zur Verfügung stellen könnten, der insbesondere vor großflächigen Grabungen ebenso zum Standard der besten Praxis gehören sollte wie die inzwischen wenigstens einigermaßen weit verbreitete geophysikalische Prospektion.

Abb. 10: Wünsche der Sondengeher an die Archäologie (n=23). Beachten Sie besonders die zweite Gruppe von Antworten bezüglich des Wunschs zu freiwilliger Mitarbeit auf Ausgrabungen, aber auch ganz generell die Wünsche nach besserer Literatur, wissenschaftlichen Fortbildungsmöglichkeiten, Ausbildung in Grabungs- und Dokumentationstechnik, wissenschaftlicher Auswertungstätigkeit und den Wunsch nach wissenschaftlicher Beratung – alles Bereiche, die einen Markt für archäologische Konsulenten darstellen könnten!

Man kann natürlich nun sagen, dass es naiv sei, den Angaben der Sondengeher zu vertrauen, bzw. dass die, die auf meine Umfrage geantwortet hätten, eben die wenigen „weißen Schafe“ unter einer Masse von „schwarzen Schafen“ seien, also die Ausnahmen, die die Regel bestätigen würden. Dafür gibt es jedoch meines Wissens – außer dem beliebten archäologischen Vorurteil, dass alle Sondengeher (bis auf ein paar Ausnahmen, besonders den paar, die man persönlich kennt und mit denen man schon länger heimlich zusammenarbeitet) „böse Raubgräber“ seien – keinerlei Anhaltspunkte. Und in Ermangelung anderer Anhaltspunkte – und insbesondere auch im Vergleich mit den Erfahrungen, die man in England und Wales mit dem PAS gemacht hat – scheint es mir angebracht, den eigenen Angaben der Sondengeher zu vertrauen.

Das bedeutet natürlich nicht, dass es nicht unter den Sondengehern auch tatsächlich „schwarze Schafe“ gibt, die in privater Bereicherungsabsicht archäologische Funde ausgraben, dafür auch so tiefe Löcher graben, dass sie in stratifizierte Bereiche des Unterbodens vorstoßen, und anschließend ihre Funde am Antiquitätenmarkt meistbietend an den Mann zu bringen versuchen. Aber die Vorstellung, dass diese „schwarzen Schafe“ sich durch ein noch so scharfes, aber trotzdem nicht exekutierbares Gesetz von ihrer Tätigkeit abhalten lassen würden, ist ebenso naiv wie lächerlich. Und es hilft auch nichts, einfach alle HeimatforscherInnen, die mit Metallsonden nach archäologischen Funden suchen, in die gleiche Kategorie wie diese „schwarzen Schafe“ einzuordnen und jede Zusammenarbeit mit ihnen zu verweigern, als ob es besser wäre, gar nichts darüber zu wissen, was von diesen Sondengehern gefunden wird, als wenigstens das zu erfahren, dass jene, die zur Zusammenarbeit bereit sind und diese teilweise sogar suchen freiwillig weiterzugeben bereit sind – und was der österreichischen Archäologie sehr nützen würde.

So gut die Absichten waren, die zu § 11 Abs 1 DMSG geführt haben, so schlecht sind die (wie ich hoffe nach dieser Darstellung auch tatsächlich von Ihnen als unerwünscht erkannten) Nebenwirkungen, nämlich eben die weitgehende Demotivation der überwiegenden Mehrheit von in ebenso guten Absichten wie wir handelnden Heimatforschern, ihre Bodenfunde – die sie ja trotz allen Verboten, nach diesen zu suchen, trotzdem machen – nach der Auffindung ordnungsgemäß zu melden. Oder anders gesagt, die Bestimmungen des § 11 Abs 1 DMSG führen zum gegenteiligen Effekt des Gewünschten: wir erfahren nichts über wesentliche archäologische Funde und Befunde, die aber trotz der Bestimmungen dieses Paragraphen weiterhin gemacht werden. Und das ist sicherlich nicht zweckdienlich.