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Moel y Gaer Llanbedr Dyffryn Clwyd 2009 - Schlussfolgerungen und Interpretation

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Schlussfolgerungen und Interpretation

In Anbetracht des Fehlens datierbarer Funde konnte die Errichtung der inneren Wallanlage von Moel y Gaer Llanbedr D.C. mittels 14C-Datierung in die Zeit zwischen 8. und 5. Jahrhundert v.Chr., also in die späte Bronze- oder frühe Eisenzeit Großbritanniens datiert werden. Der untersuchte Wall wurde eindeutig in einer einzigen Bauphase errichtet und zeigte keine Anzeichen von Reparaturen oder Renovierungen in späterer Zeit. In Anbetracht der Tatsache, dass die Höhensiedlung von Moel y Gaer Llanbedr D.C. mehrfach umwallt ist – gewöhnlich ein sicheres Zeichen für eine mittel- oder späteisenzeitliche Datierung, für wenigstens die äußeren Wälle – kann man vorläufig davon ausgehen, dass Moel y Gaer mindestens zwei hauptsächliche Nutzungsphasen aufwies, eine spätbronze- oder früheisenzeitliche Phase, in der die innere Umwallung erbaut wurde, gefolgt von wenigstens einer zweiten, mittel- oder späteisenzeitlichen, Phase, in der die äußeren Wälle hinzugefügt wurden.

Abb. 14: Rekonstruktionsvorschlag für den Wall, aufbauend auf einer vereinfachten Profilumzeichnung

Die Ausgrabungen des inneren Walles erlaubten auch eine Klärung der Bauweise dieses Walls (Abb. 14), der als einfache Erd- und Steinschüttung mit vorgelagerter, in Trockensteinbauweise errichteter, Fassade ausgeführt war. Die Trockensteinmauer ist leicht nach innen, also gegen den Wallkörper, geneigt, wodurch diese nicht besonders anspruchsvoll und gut erbaute Blendmauer zusätzlich stabilisiert wurde. Es kann vermutlich angenommen werden, dass diese Trockensteinfassade nicht viel länger als drei bis fünf Jahrzehnte bestand, bevor sie wenigstens teilweise kollabierte. Mauerversturz konnte während der Ausgrabungen in Teilen von Schnitt 1 direkt außerhalb der Mauerfundamente bis nahezu auf den gewachsenen Untergrund beobachtet werden. Der angeschüttete Wallkörper selbst erwies sich während der Ausgrabungen als relativ loser Schutt mit einem hohen Anteil stark verbrannter Steine, die teilweise miteinander verschmolzen waren, vermutlich mit Schlacke aus metallverarbeitenden Prozessen verbacken. Die Schüttung selbst kann ebenfalls nicht besonders stabil gewesen sein. Der Wall war etwa 4 Meter breit, was in Verbindung mit den Materialmengen, die von der Rückseite des Walls in den Bereich von Schnitt 2 aberodiert waren, eine vorsichtige Rekonstruktion des Walles im ausgegrabenen Bereich auf eine Höhe von wenigstens ca. 2 Meter, aber wohl kaum mehr als 3 Meter, über dem anstehenden Untergrund erlaubt. Nachdem der Wall an der untersuchten Stelle jedoch über einen erhöhten Bereich verläuft, einen natürlichen Ausbiss des anstehenden Felsbodens, ist nicht auszuschließen, dass der Wall an dieser Stelle weniger hoch als in anderen Bereichen der Höhensiedlung ausgeführt war. Bei den Grabungen konnten weder Hinweise auf interne Bauelemente des Walls noch für eine möglicherweise an seiner Krone errichtete Holzpalisade entdeckt werden. Dies kann aber insofern nicht überraschen, als der Wall selbst in den besterhaltenen Bereichen von Schnitt 1 nicht mehr als etwa einen Meter hoch erhalten war, d.h. wenigstens einen Meter weniger als seine rekonstruierte ursprüngliche Höhe aufwies. Jedwede Hinweise auf Bauelemente, die auf der Wallkrone vorhanden gewesen sein mögen, sind daher notwendigerweise verloren gegangen, weil selbst die stärkste Palisade nicht über einen Meter in den Wallkörper eingetieft gewesen wäre.

Die Theorie, die von EAS Ltd. auf Basis der Ergebnisse der geophysikalischen Prospektion vorgeschlagen wurde, dass an der ausgegrabenen Stelle ein früherer Eingang durch den Wall lokalisiert gewesen sein könnte (Brooks & Laws 2007, fig. 9; 2008, 8-9), wurde durch die Ausgrabungen schlüssig widerlegt. Bei der Ausgrabung konnten weder Hinweise auf eine Phasenabfolge im Bereich des Walls noch auf die Präsenz einer früheren Eingangskonstruktion in diesem Bereich identifiziert werden.

Ebenso widerlegt werden konnte die auf Basis der Funde von vitrifiziertem Material erstellte Theorie, dass eine hölzerne Innenkonstruktion des Wallkörpers oder ein hölzerner Aufbau auf dem Wall verbrannt sei und somit die teilweise Verschmelzung von Steinmaterial im Wall herbeigeführt haben könnte (Brown 2004, 72; Brooks & Laws 2008, 8-9). Nicht nur wurden die am stärksten vitrifizierten Bereiche im Zentrum des Wallkörpers angetroffen und waren auf allen Seiten von weniger stark verbranntem Material umgeben (siehe Abb. 14), sondern noch aussagekräftiger zeigten weder der natürliche Unterboden unterhalb des Wallkörpers noch die Trockensteinverkleidung des Wallkörpers noch der natürliche Unterboden außerhalb des Walls irgendwelche Anzeichen von Hitzeeinwirkung in einer für die Vitrifizierung (selbst von Teilen) des Wallkörpers ausreichenden Stärke, ja sogar grosso modo überhaupt keine Anzeichen von Hitzeeinwirkung.

Vielmehr zeigt insbesondere die scharfe Grenze zwischen dem unverbrannten Untergrund und dem darauf liegenden verbrannten Material des Wallkörpers (siehe Abb. 6), dass der den Wallkörper ausmachende, verbrannte und teilweise verschmolzene Schutt an dieser Stelle aufgeschüttet wurde, nachdem er bereits zuvor an anderem Ort intensiver Hitzeeinwirkung ausgesetzt gewesen war. Nachdem besonders das vitrifizierte Material hauptsächlich durch leichte, blasige Flussschlacke, möglicherweise ein Nebenprodukt von Metallverarbeitung, zusammengebacken ist, schlagen wir vor, dass das Material zur Aufschüttung des Walls in der nordöstlichen Ecke von Moel y Gaer aus Abfallhaufen metallverarbeitender Prozesse gewonnen wurde. Nachdem es bisher weder Hinweise auf Metallverarbeitung von der Höhensiedlung selbst oder aus ihrer unmittelbaren Umgebung gibt noch Abfallablagerungen mit hohen Anteilen verbrannten und teilweise vitrifizierten Materials, muss angenommen werden, dass dieser Abfall bewusst und vorsätzlich auf die Höhensiedlung gebracht wurde. Daraus folgen jedoch einige interessante Fragen.

Einerseits wird vitrifiziertes Material, das gelegentlich im Bereich der Wallanlagen britischer Höhensiedlungen angetroffen wird, gewöhnlich als Evidenz für Zerstörungen der Wallanlagen durch Feuer interpretiert (cf. die Interpretationen des vitrifizierten Materials im Fall der von uns ausgegrabenen Fundstelle). Die Daten von Moel y Gaer stellen derartige Interpretationen aber wenigstens infrage. Statt davon auszugehen, dass Wallanlagen als Resultat größerer Feuer- bzw. Hitzeeinwirkungen auf die Wallanlage vitrifiziert sind, könnte es bei vielen derartigen Befunden der Fall gewesen sein, dass die Wallanlagen aus Material errichtet wurden, das an anderem Ort der Hitze ausgesetzt und daher verschmolzen war und erst später für den Bau der Wallanlagen wiederverwendet wurde.

Andererseits stellt sich die Frage, weshalb derartiges verbranntes Material für die Konstruktion des inneren Walls von Moel y Gaer verwendet wurde. Nachdem es keine Hinweise darauf gibt, dass zufälligerweise größere Mengen verbrannten Schutts auf oder in der unmittelbaren Umgebung der Hügelkuppe, auf der die Wallanlage errichtet wurde, zur Verfügung standen und nachdem der größte Teil der Wälle Moel y Gaers aus lokal zur Verfügung stehendem, in kleinen Steinbrüchen an der Innenseite des Walls gewonnenem Material errichtet wurde (Brooks & Laws 2007, 3; cf. Wynne Ffoulkes 1850), gehen wir davon aus, dass der verbrannte und verschmolzene Schutt absichtlich auf die Fundstelle gebracht und auch absichtlich in bestimmten Bereichen des Walls verwendet bzw. abgelagert wurde.

Die strukturierte Deponierung von Abfall in eisenzeitlichen Siedlungskontexten ist ein Phänomen, das in Großbritannien bereits häufiger beobachtet wurde (cf. Hill 1995). Allerdings handelt es sich bei den meisten derartigen strukturierten Deponierungen von Abfall um (mehr oder minder) normalen Siedlungsmüll, wie er während der Benutzung einer Siedlung dauernd entsteht. Dieser scheint dann in Gruben oder Gräben (die mehr oder minder „zufällig“ vor Ort vorhanden waren), in absichtlich strukturierter Weise, deponiert worden zu sein. Das hat zur Vermutung geführt, dass derartige strukturierte Deponierungen Teil von rituellen Handlungen waren, z.B. um die Fruchtbarkeit der Natur, das Gedeihen der Siedlung etc. zu gewährleisten.

Beim im Wall von Moel y Gaer verwendeten Material handelt es sich jedoch offenkundig nicht um derartigen “normalen” Siedlungsmüll, es handelt sich auch scheinbar nicht um Abfall, der zufällig auf der Fundstelle zur Verfügung stand, sondern um solchen, der extra auf die Fundstelle transportiert werden musste und der scheinbar auch nicht während der eigentlichen Nutzung der Siedlung anfiel, sondern in einem „Gründungsereignis“ intentionell deponiert wurde, d.h. während der Errichtung des Walls, der die Grenzen der Siedlung bestimmte. Deponierungen während der Siedlungsgründung, insbesondere wenn sie Teil der Einfriedung der Siedlung sind, dürften vermutlich eine Rolle in der Etablierung der Siedlung als „sicherer“ Wohnort gespielt haben, indem sie einen “magischen” Schutz der Siedlungsgrenzen (die die Wälle sind) erzeugten und möglicherweise auch in einem rechtlichen Sinn die Siedlung als Eigentum (sei es das einer Einzelperson oder einer Gemeinschaft) bestimmten (cf. van Gennep 1909; Turner 1969; Karl 2008).

Die Deponierung von Abfällen aus der Metallverarbeitung in Einfriedungsgräben ist auch aus britischen Flachlandsiedlungen bekannt, schon aus der Bronzezeit (Parker-Pearson 1996, 120-8). Während es sich bei diesen Deponierungen nicht notwendigerweise um Deponierungen während „Gründungsereignissen“ („Bauopfer“) handelt, treten diese doch gewöhnlich gehäuft nördlich der östlichen Eingänge in Siedlungen auf, also in einer ähnlichen Position wie die in Moel y Gaer angetroffenen, vitrifizierten Ablagerungen im Wall der Anlage, der sich ebenfalls nördlich des östlichen Eingangs eben dieser Anlage befindet – selbst wenn sie hier einen Teil des Wallkörpers bilden und nicht in die Gräben abgelagert wurden (der dem inneren Wall in Moel y Gaer vorgelagerte Graben befand sich allerdings außerhalb des Bereichs der von uns geöffneten Schnitte, es besteht also durchaus die Möglichkeit, dass Abfälle von Metallverarbeitung auch in diesem anzutreffen sind). Dies könnte andeuten, dass in Moel y Gaer eine spätbronzezeitliche Siedlungsgründungstradition fortlebte, die Deponierung von Metallverarbeitungsabfällen in der Außenbegrenzung der Siedlung nördlich ihres östlichen Eingangs, eine Interpretation, die durch die spätbronze- oder früheisenzeitliche Datierung der inneren Wallanlage von Moel y Gaer wenigstens nicht ausgeschlossen, wenn nicht sogar zusätzlich gestützt, wird.

Die Deponierung von „Bauopfern“ ist auch im weiteren europäischen Kontext von Flachland- und Höhensiedlungen bekannt, wenn auch bislang nicht in Form von Abfällen von Metallverarbeitung, die zum Bau von Teilen von Wällen benutzt wurden. Vielmehr handelt es sich dabei gewöhnlich um Metallverarbeitungswerkzeuge, die, manchmal auch mit anderen Gegenständen, z.B. in den Gräben bzw. Wällen von späteisenzeitlichen „Viereckschanzen“ (Wieland 1999, 56; von Nicolai 2005, 105) und Höhensiedlungen (Urban & Ruprechtsberger 1998) in Mitteleuropa deponiert wurden.

Obwohl keine endgültigen Aussagen getätigt werden können, scheint es derzeit dennoch so, als ob verbranntes und teilweise verschmolzenes Material, das intentionell von einem anderen Ort an die Fundstelle verbracht wurde, im Wall von Moel y Gaer im Rahmen einer rituellen Handlung, die während der Gründung der befestigten Siedlung durchgeführt wurde, absichtlich deponiert wurde. Die Verwendung von Material aus dem Kontext der Metallverarbeitung scheint dabei ausreichend signifikant gewesen zu sein um den Transport von Abfällen von einem anderen Ort auf die Hügelkuppe zu rechtfertigen, obgleich auf dieser mehr als ausreichend Material zur Konstruktion des Walls zur Verfügung stand. Es ist natürlich verlockend diese Praxis mit späteren Erzählmotiven in frühmittelalterlichen walisischen und irischen Texten in Verbindung zu bringen, wie z.B. dem Motiv, dass Handwerker eine an sich für die Nacht geschlossene Siedlung dennoch betreten dürfen, wie z.B. in Culhwch ac Olwen (Gantz 1976, 137) und Cath Maige Tuired (Gray 1982, 39-41). Aber selbst wenn eine solche Verbindung nicht zulässig sein sollte, zeigt die Praxis auch für sich allein die Bedeutung, die Metallhandwerkern und dem Metallhandwerk, das möglicherweise auch magisch oder religiös besetzt gewesen sein könnte, von den spätprähistorischen Bewohnern des Tals des Clwyd zugemessen worden sein dürfte.

Es kann daher mit Bestimmtheit festgehalten werden, dass die Ausgrabungen in Moel y Gaer Llanbedr D.C. im Jahr 2009 sehr erfolgreich verlaufen sind. Es ist uns gelungen solide Daten zu sammeln, einige unserer Forschungsfragen zu beantworten und signifikante neue Erkenntnisse zu gewinnen, die unser Verständnis der spätprähistorischen Bevölkerung des Tals des Clwyd und der Atlantikküsten Europas zu verbessern erlauben.